Rückkehr zu einem „Spätling der Gestalter“?

Zum Gedenken an den Lyriker Josef Weinheber

Von Christoph FackelmannCM 1_U1

Aus Anlaß des 70. Todestages von Josef Weinheber (* 9. März 1892, † 8. April 1945) veröffentlichen wir einen Vortrag, der im Herbst 2011 erstmals gehalten wurde. Für die Neuveröffentlichung wurde der Vortrag durchgesehen und erweitert. Wo er aus dem Blickwinkel von damals grundsätzlich auf die Situation der Erinnerungspflege und heutiger medialer Gedenkdiskurse eingeht, halten wir dies für unvermindert gültig und übertragbar.

Was ich Ihnen vermitteln möchte, kann in seiner notwendigen Begrenzung nicht mehr als Andeutung und Anregung bieten. Dazu soll allerdings einmal nicht der gewöhnliche Weg eingeschlagen werden, der einen Dichter fein säuberlich entlang der Chronologie seines Lebens und Schaffens zu „erklären“ bemüht ist. Stattdessen will ich eine Perspektive wählen, die gleichsam vom Ende her, aus der Situation der späten Jahre ein paar Schlaglichter auf das – eben durchaus ungewöhnliche – Phänomen Josef Weinheber zu werfen versucht.

Im Titel des Vortrags zitiere ich – von einem Fragezeichen begleitet – ein bekanntes Gedicht Weinhebers aus dem Juni 1943, das Schlußgedicht aus dem letzten von ihm selbst fertiggestellten Gedichtbuch. Dieses Buch nannte sich – mit programmatischer Wucht – „Hier ist das Wort“, es gelangte 1944 in den Druck, wurde aber, da die ersten Auflagen im zerbombten Leipzig verbrannten, zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht (sondern erst posthum, 1947).

Ich halte „Hier ist das Wort“ für eines der wichtigsten Zeugnisse freien Geistes in der Gedichtliteratur jener Katastrophenjahre. In deutscher Sprache weiß ich ihm künstlerisch aus dieser Zeit nur wenig zur Seite zu stellen. Wollte man sich etablierter Begrifflichkeit bedienen, könnte man es als ein Dokument der „Inneren Emigration“ bezeichnen, vielleicht das bedeutendste in der österreichischen Literaturgeschichte. Aber das träfe den Sachverhalt nur halb und schief genug, ist das Werk doch in all seinem Widerspruchsgeist und Hingebungswillen ein Zeichen nicht des verschließenden Rückzugs, sondern der offenbarenden Behauptung im geistigen Raum. Nimmt man noch das nicht mehr vollendete Versglossarium hinzu, in dem Weinheber zur selben Zeit seine beißende Zeit- als Sprachkritik zu versammeln beabsichtigte – es ging aus demselben Ursprungskonzept hervor und erfuhr zu Lebzeiten des Autors ebenfalls nur Teilveröffentlichungen –, so fällt etwas Bemerkenswertes auf: Während man heute geneigt ist, Weinheber mit Blick auf die rufschädigende politische Begleitmusik allerspätestens für die vierziger Jahre als irgendwie satisfaktionsfähigen Schriftsteller abzuschreiben, entsteht ausgerechnet in dieser letzten Phase seines Lebens, den Zwängen und Nöten, den Facetten des persönlichen Scheiterns mühsam abgerungen, ein über die Maßen faszinierendes Vermächtnis. – –

Lesen Sie weiter: Der gesamte Essay ist hier als PDF verfügbar. Er bildet zugleich die erste Ausgabe der neuen Reihe „Contineri Minimo“, in der die Josef Weinheber-Gesellschaft ausgewählte kürzere Texte von und über Josef Weinheber veröffentlichen wird.

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