Jahresbericht 2011 / Programmausblick 2012

Kirchstetten, im Januar 2011

Die Josef Weinheber-Gesellschaft blickt auf ein ereignisreiches, zum Teil regelrecht turbulentes Jahr 2011 zurück. Zum einen gelang es diesmal, eine beachtliche Reihe von kleineren und größeren Veranstaltungen zu organisieren oder mitzugestalten. Dabei ragten zwei vielbeachtete und gutbesuchte Künstlerlesungen heraus: die den Jahresauftakt bildende Matinée von Verena Noll und Jürgen Pfaffinger, deren außerordentliches Gelingen allgemein den Wunsch nach Wiederholung entstehen ließ, sowie der vertraute frühherbstliche Höhepunkt mit dem Auftritt Ulli Fessls und Peter Urays in der Weinheber-Gemeinde Kirchstetten. Doch hatten die Weinheber-Freunde in aller Welt auch einen schweren, wenngleich nicht gänzlich unerwarteten Verlust zu beklagen. Dr. Friedrich Jenaczek, der zweifellos bedeutendste Weinheber-Forscher und Schöpfer der grundlegenden neuen Gesamtausgabe, verstarb im vergangenen Frühling im hohen Alter von 92 Jahren in seiner Heimatstadt München (siehe den Nachruf auf unserer Homepage). Unser tiefes Mitgefühl gilt der Familie des Dahingegangenen, namentlich den beiden Söhnen Clemens und Markus. Die Josef Weinheber-Gesellschaft übernahm jenen Teil des schriftlichen Nachlasses, der ihren Arbeitsbereich betraf. Wir haben die dankbare Gewißheit: Indem wir uns heute um Josef Weinheber bemühen, stehen wir alle auf Friedrich Jenaczeks Schultern.

Zum anderen hatten wir uns im Sommer des vergangenen Jahres mit dem Wiederaufflammen einer Pressekampagne gegen das Weinheber-Denkmal auf dem Schillerplatz im ersten Wiener Gemeindebezirk auseinanderzusetzen, losgetreten von öffentlichen Stellungnahmen des scheidenden Rektors und der damals erst designierten neuen Rektorin der dort befindlichen Akademie der bildenden Künste. Da Josef Weinheber 1942, also unter dem NS-Regime, zum Ehrenmitglied der Akademie ernannt worden war, geriet auch diese – durch den Tod des Dichters freilich längst hinfällige – Tatsache ins Gerede. Inhalt und Qualität der veröffentlichten Äußerungen, die sich im wesentlichen auf Vorurteile, plumpe Vergröberungen und die völlig unzulässige Einschrumpfung Weinhebers zu einem Parteigänger der Nationalsozialisten, zum „Nazi-Dichter“ beschränkten, veranlaßte die Josef Weinheber-Gesellschaft zu klärenden Maßnahmen. Sie war es gewesen, die 1975 das Denkmal auf dem Schillerplatz mit der von Josef Bock gestalteten Büste errichtet und in die Obhut der Stadt Wien übergeben hatte, fungiert also immer noch als dessen Eigentümerin. Ein Interview des Präsidenten, Christian Weinheber-Janota, für die Tageszeitung Die Presse und ein offener Brief seines Stellvertreters, Dr. Christoph Fackelmann, der nicht nur an das Rektorat der Akademie, sondern auch an den Bürgermeister der Stadt Wien erging (veröffentlicht auch auf unserer Homepage), sollten dazu beitragen, den Blick auf die Fakten zu schärfen und für ein sachgerechtes und differenziertes Bild Weinhebers einzutreten. Der weitere Fortgang der „Affäre“ bleibt abzuwarten. Auch an anderen Stellen waren in letzter Zeit denkmalstürzerische Bemühungen um Josef Weinheber zu verzeichnen. Sie richteten sich etwa gegen das 1967 errichtete Denkmal auf der Feihlerhöhe (mit einem Porträtrelief von Rudolf Pleban), mit welchem die Wienerwaldgemeinde Purkersdorf der dort verbrachten Kindheitsjahre des Dichters gedenkt.

Angesichts all dieser unerfreulichen, zum Teil regelrecht bestürzenden Entwicklungen ist es der Josef Weinheber-Gesellschaft vor allem um eines zu tun: Wir sind der festen Überzeugung, daß die Erinnerung an Josef Weinheber, den großen Künstler und geistigen Menschen, in der Gegenwart nicht von Phrasen des politischen Kampfes und ideologischen Kurzschlüssen überschattet und verdrängt werden dürfe. Wir sind uns wohl bewußt, wie fremd und unbekannt das Werk des Dichters der Gegenwart geworden ist – vielleicht werden mußte –, aber wir meinen, daß diese Zeit es ihm und nicht weniger sich selbst schuldig ist, dem Namen Josef Weinheber mit mehr als bloß leeren Worten und blinden Reflexen zu begegnen. Ein „Skandal“ ist mit Josef Weinheber doch längst nicht mehr zu machen. Alles liegt seit Jahrzehnten offen am Tage, und nur die kurzlebige Medienwelt kann daraus noch Kapital für den Tag schlagen. Was über all dem geblieben sein sollte, wäre aber der Respekt für das vielschichtige, alles andere denn einsinnige Werk. Für eine lebens- und würdevolle Nationalkultur hätte dies eine Selbstverständlichkeit zu bedeuten.

Die Josef Weinheber-Gesellschaft hat es daher von jeher zu ihrem Prinzip erhoben, sich nicht zur Partei des Tages zu machen. Sie will sich folglich weder auf die Seite der einen schlagen, der eifernden Zeitgeist-„Antifaschisten“, für welche die „Entnazifizierung“ von Plätzen, Straßen und Orten zum Strategem im Kampf um Aufmerksamkeit, Macht und Einfluß geworden ist, noch auf die Seite der anderen, der dagegen wetternden Streiter für Heimat- und Volkstreue, die ihre Felle davonschwimmen sehen. – Und die Weinheber-Gesellschaft darf es auch nicht, sowohl aus grundsätzlichen Überlegungen als auch im Interesse ihres Schützlings, der mit den Parolen politischer Grabenkämpfe nichts im Sinn hatte und nicht zum Gesinnungsidol taugt. Auf diesem Prinzip muß sie auch bestehen, wann immer sie Kooperationen eingeht und gemeinsame Projekte verfolgt. Bleiben wir also hellhörig!

Im heurigen Jahr, in dem es des 120. Geburtstages von Josef Weinheber zu gedenken und somit ein kleines Jubiläum zu begehen gilt, möchte die Josef Weinheber-Gesellschaft, jenem Vorsatz getreu, vor allem wieder einen Beitrag zur Objektivierung des modernen Weinheber-Bildes leisten. Das Verständnis für den Dichter, dessen Werk und dessen Epoche zu erweitern und zu vertiefen, ist das Ziel des diesjährigen Hauptvorhabens: Wie angekündigt, soll heuer ein neuer Band unserer „Literaturwissenschaftlichen Jahresgabe“ (2010/11/12) erarbeitet werden. Die Reihe, die vom LIT-Verlag, Wien-Berlin, in sein Programm übernommen wurde, soll diesmal nicht zuletzt auch in das breitere literarische Umfeld Josef Weinhebers eintauchen. Durch Einzel-, Vergleichs- und Beziehungsstudien erhoffen wir im Laufe der Zeit Aufschlüsse und Erkenntnisse über bislang von der Literaturgeschichte wenig beachtete Zeitgenossen zu gewinnen, die mit Weinheber in Verbindung standen, aber auch selbst Bedeutendes schufen. Weinheber in seiner Epoche und in deren mannigfaltigen und vieldeutigen Beziehungsgefügen zu beschreiben, stellt eine wichtige Voraussetzung für die oft geforderte „Historisierung“ seiner Gestalt – jedoch eben jenseits von geschichtspolitisch motivierter Schwarz-Weiß-Malerei – dar.

In dieselbe Richtung will schon das Büchlein weisen, das wir unseren Mitgliedern mit dem vorliegenden Bericht als Jahresgabe überreichen dürfen. Es wurde von der Josef Weinheber-Gesellschaft auf Einladung der Österreichischen Landsmannschaft gestaltet und erschien als Band 205 in der traditionsreichen Reihe der „Eckartschriften“. Die Verfasser, Karl Josef Trauner und Christoph Fackelmann, porträtieren darin Dichter und Bücher aus der deutschen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, die heute weitgehend vergessen sind oder deren einst rühmendes Angedenken durch die modernen Zweifel inzwischen erheblich gebrochen erscheint. Der reichbebilderte Band, der zugleich eine kleine Festgabe zum bevorstehenden 80. Geburtstag unseres Ehrenmitglieds, des früheren Präsidenten HR Dr. Karl J. Trauner, bildet, geht auch der Frage nach dem Woher und Warum dieser Entwicklungen nach. Im abschließenden, ausführlichsten Kapitel bietet er eine Auseinandersetzung mit Josef Weinhebers Durchbruchswerk aus dem Jahre 1934, „Adel und Untergang“. Das Bändchen wird übrigens – aus Anlaß des heurigen Weinheber-Jubiläums – am Dienstag, den 20. März 2012, im Rahmen eines Vortrags von Dr. Christoph Fackelmann in Salzburg präsentiert, zu dem wir herzlich einladen: „,Verlassen war ich, jetzt bin ich verkannt. Deutsche Dichter als Opfer des Traditionsbruches im 20. Jahrhundert“ (Neuer Klub Salzburg, Restaurant „Urbankeller“, Schallmooser Hauptstraße 50, 5020 Salzburg, Beginn: 19 Uhr 30; freier Eintritt).

Der Jahresgabe liegt diesmal ein Probeheft der „Wiener Sprachblätter“ bei. Die Dezember-Ausgabe dieser „Vierteljahresschrift für gutes Deutsch und abendländische Sprachkultur“ enthält u. a. den ersten Teil einer Würdigung der Sammlung „Späte Krone“ (S. 13-17). Im vergangenen Herbst waren 75 Jahre vergangen, seit dieses Debütwerk Josef Weinhebers für den reichsdeutschen Langen-Müller-Verlag das Licht der Welt erblickt hatte. Fortsetzung und Abschluß des Aufsatzes werden im nächsten Heft abgedruckt, das im März 2012 erscheinen wird. Der Herausgeber der „Wiener Sprachblätter“, der „Verein Muttersprache“, welcher 1949 als Nachfolger des Wiener Zweiges des „Deutschen Sprachvereins“ gegründet wurde, möchte mit dieser Kostprobe zum Kennenlernen oder Wiederentdecken der nunmehr bereits im 62. Jahrgang stehenden Zeitschrift einladen. Sie erscheint seit 2010 in neuer Gestalt, mit einem überarbeiteten, modernen Konzept und widmet sich in populärwissenschaftlicher Art allen Bereichen des sprachlichen Lebens, einschließlich der Dichtkunst aus Vergangenheit und Gegenwart. Die Weinheber-Pflege hat innerhalb der „Sprachblätter“ eine lange und glückliche Tradition. Nachfolgende Ausgaben können direkt bei der Geschäftsstelle des Vereins bestellt werden (Fuhrmannsgasse 18-1A, 1080 Wien; Tel.: 0043-1-405 09 07).

Abschließend sei ein Hinweis auf eine Veranstaltung gestattet, die dem emeritierten Wiener Ordinarius für österreichische Literaturgeschichte Univ.-Prof. Dr. Herbert Zeman gewidmet sein wird. Den Weinheber-Freunden ist der Name ein Begriff. Herbert Zeman hat nicht nur selbst mehrmals über Josef Weinheber vorgetragen und publiziert (vgl. u. a. die Jahresgabe 1993/94, S. 66-79), er hat auch in durchaus maßgeblicher Weise organisatorisch zum Fortschritt der neuen kommentierten Gesamtausgabe beigetragen. Zu seinem 70. Geburtstag ist kürzlich eine gewichtige thematische Festschrift erschienen („Literatur – Geschichte – Österreich. Probleme, Perspektiven und Bausteine einer österreichischen Literaturgeschichte“, hrg. v. Christoph Fackelmann u. Wynfrid Kriegleder, Wien-Berlin: LIT Verlag 2011). Sie wird dem Jubilar am Donnerstag, den 26. Jänner 2012, in einer Feier an der Universität Wien überreicht (Kleiner Festsaal der Universität Wien, Dr. Karl Lueger-Ring 1, 1010 Wien, Beginn: 18 Uhr; freier Eintritt). Die Präsentation wird begleitet von einer Diskussion zum Thema „Österreichische Literaturgeschichte“ und einer künstlerischen Lesung aus privaten und beruflichen Dokumenten zur Frühgeschichte der Österreichischen Literaturforschung (vorgetragen von Adelheid Picha und Joseph Lorenz). Wir laden Sie auch dazu herzlich ein!

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